“Wir können Probleme thematisieren, die Hilfsorganisationen meiden”-Interview zur Gründung des CHA2019-05-28T15:57:20+01:00

“Wir können Probleme thematisieren, die Hilfsorganisationen meiden”-Interview zur Gründung des CHA

Was kann das CHA, was andere nicht können? Warum ist seine Unabhängigkeit so wichtig? Warum ist es Unsinn zu behaupten, dass die Hilfe immer ankommt? Und warum werden deutsche humanitäre Akteurinnen und Akteure international immer noch häufig als Newcomer wahrgenommen? Direktor Ralf Südhoff beantwortet, warum eine Institution wie das CHA gebraucht wird.  

Interview mit CHA Direktor Ralf Südhoff im Greenpeace Magazin:

134 Millionen Menschen sind mittlerweile auf Nothilfe angewiesen, das steht im aktuellen Bericht des Bundeskabinetts zur humanitären Hilfe Deutschlands. Durch immer mehr langanhaltende Krisen werde diese Zahl weiter wachsen. Zwar hat Deutschland sein Engagement in den vergangenen Jahren deutlich verstärkt, so hat die Bundesregierung die Hilfsleistungen seit 2014 vervierfacht und war 2017 mit rund 1,7 Milliarden Euro der zweitgrößte staatliche Geber weltweit. Trotzdem gelten deutsche Akteure im internationalen Kontext laut Ralf Südhoff immer noch als Neuling auf diesem Gebiet. Nun haben die Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen, Caritas International und Diakonie Katastrophenhilfe zusammen mit der Maecenata Stiftung einen Think Tank in Berlin gegründet, der humanitäre Hilfsleistungen theoretisch begleiten und Vordenker für neue Konzepte der Humanität werden soll. Wir haben mit Ralf Südhoff gesprochen, der als Gründungsdirektor das Centre for Humanitarian Action (CHA) seit dem 1. Januar dieses Jahres leitet.

Herr Südhoff, warum starten Sie mit Ihrem „humanitären Think Tank“ gerade jetzt?

In Deutschland gibt es so eine Einrichtung bisher nicht, ganz im Gegensatz zu anderen Ländern wie Frankreich, USA oder den Niederlanden. Der Hintergrund ist, dass Deutschland früher nur ein sehr kleiner Spieler bei der humanitären Hilfe war: Die Bundesregierung hat relativ wenig Geld gegeben, die Hilfsorganisationen waren international nicht sehr präsent. Das hat sich seit einigen Jahren dramatisch geändert. Die Hilfe aus Deutschland hat sich teilweise vervier- oder verfünffacht. Trotzdem werden deutsche Akteure im internationalen Kontext immer noch häufig als Newcomer wahrgenommen. Wir wollen nun die humanitäre Hilfe aus Deutschland und darüber hinaus analysieren und besser machen.

Wie finanzieren Sie sich?

Unser Zentrum für humanitäre Aktion ist von den Hilfsorganisationen Ärzte ohne Grenzen, Caritas International und Diakonie Katastrophenhilfe gegründet worden und wird von diesen auch finanziert. Wir sind aber rechtlich und wissenschaftlich unabhängig und bei der Maecenata Stiftung beheimatet. Deshalb können wir Probleme thematisieren, die Hilfsorganisationen meiden.

Was für Probleme sind das?

Ein Beispiel: Die schlimmste humanitäre Katastrophe tobt derzeit im Jemen. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung ist auf Nothilfe angewiesen, über zwanzig Millionen Menschen leiden massiv Hunger. Trotzdem kann gerade für den Jemen keine Hilfsorganisation auf Privatspenden zählen, der Konflikt ist schwer vermittelbar. Hinzukommt: Man kann nicht garantieren, dass jede Hilfe ankommt, das ist in Kriegsgebieten so. Das sind Zielkonflikte, die in der humanitären Hilfe existieren, die sich aber eine Hilfsorganisation, die auf jeden Euro Spende angewiesen ist, nicht traut offenzulegen. Weil die Sorge besteht, dass das die ohnehin geringe Bereitschaft zu spenden weiter senken würde. 

Diese Sorge teilen beispielsweise staatliche Einrichtungen auch nicht.

Das stimmt, hier stellt sich eher die Frage einer Vermischung mit möglichen politischen Motiven. Laut des aktuellen Berichts des Bundeskabinetts über deutsche humanitäre Hilfe sind rund sechzig Prozent der Hilfe in den letzten Jahren in den Nahen Osten gegangen, obwohl dort nur etwa ein Viertel der weltweit Bedürftigen lebt.

Welche Motivation steht Ihrer Meinung nach dahinter?

Es ist kein Geheimnis, dass das eine Reaktion auf die sogenannte „europäische Migrationskrise“ war. Die ehrenwerte Motivation war, Fluchtursachen vor Ort zu mildern. Kritisiert werden kann aber zugleich eine Vermengung migrationspolitischer Ziele mit den humanitären Prinzipien.

Welche sind das?

Neutralität, Überparteilichkeit, Unabhängigkeit und Menschlichkeit. Letzteres bedeutet: Wir leisten zuerst dort Hilfe, wo die meisten Menschen in Not sind. Dennoch erhalten wenig beachtete Krisen wie im Kongo oder in der Zentralafrikanische Republik international viel weniger staatliche Mittel. 

Was wollen Sie tun, damit sich das ändert?

Wir wollen durch analytische Hilfestellungen helfen, Kriterien und mehr Know-how zu entwickeln, zum Beispiel was Neutralität – sowohl für Staaten als auch für Helfer – heute bedeutet und die Beteiligten daran messen. Zugleich ist es unser Ziel, sehr praxisorientierte Schlüsse zu ziehen und mit Handlungsempfehlungen beispielsweise für Helfer vor Ort zu versehen. Da geht es zum Beispiel darum, welche Chancen, aber auch Gefahren technologische Innovationen für eine bessere Hilfe bieten. Das sind dann ganz praktische Fragen, die wir beantworten und so den Helfern beratend zur Verfügung stehen wollen.   

Welche Handlungsempfehlung würden Sie in der Kontroverse um private Rettungsschiffe für Geflüchtete geben?

Hier ist die Situation sehr einfach aus meiner Sicht: Es ist natürlich ein humanitäres Gebot der Menschlichkeit, die Menschen zu retten und in ein sicheres Land zu bringen. Wenn nötig könnte unser Zentrum für humanitäre Aktion das wissenschaftlich basiert belegen. Und mit diesem humanitären Gebot erübrigen sich alle anderen Fragen.

Interview: Nora Kusche, Redakteurin Greenpeace Magazin

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