Protokoll des Runden Tischs zum Humanitarian-Development-Peace Nexus2019-07-16T10:42:41+01:00

Protokoll des Runden Tischs zum Humanitarian-Development-Peace Nexus

Komplexe und langwierige Krisen erfordern neue Reformen, wie die Verknüpfung von humanitärer Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung. Der sogenannte Triple Nexus bzw. Humanitarian-Development-Peace Nexus und sein Potenzial, einer Kombination an Herausforderungen zu begegnen, wird aktuell viel diskutiert. In diesem Kontext haben MSF und das CHA am 12. Juni 2019 in Berlin einen Runden Tisch organisiert, um die Erfahrungen aus der Nexus-Projektarbeit auszutauschen. Den Impuls zu dieser Veranstaltung gab ein vergleichbarer Runder Tisch, der in London am 7. Mai 2019 stattgefunden hat.

Ziele

Das Ziel dieses Runden Tisches war es, Arbeitserfahrungen mit Nexus-Projekten und -programmen in zivilgesellschaftlichen Organisationen auszutauschen. Das Treffen fand mit 20 Vertreter*innen von EZ, humanitären und Friedens-NGOs unter Chatham House Rule statt. Diese berichteten über ihre Nexus-Projekte in den vier folgenden Regionen: Nigeria, Somalia, Demokratische Republik Kongo und dem Tschadseebecken. Mittels einer SWOT-Analyse wurden im zweiten Teil der Veranstaltung gezielt die gemeinsamen Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken des Nexus-Ansatzes anhand der vorgestellten Projekte herausgearbeitet. Die Ergebnisse des Runden Tischs fließen zudem in ein Forschungsprojekt zum Thema Humanitarian-Development-Peace Nexus, mit dem sich das CHA derzeit beschäftigt.

Key Takeaways zum Humanitarian-Development-Peace Nexus

Strengths

Der Ansatz des Humanitarian-Development-Peace Nexus hilft, aus den Silos auszubrechen, und fördert eine umfassende Analyse, die zur Verbesserung der lokalen Koordination führen kann. Dies ist vor allem in Kontexten mit einer Gleichzeitigkeit von verschiedenen Anforderungen/Bedarfen wichtig. Ein Tool dafür können sogenannte Crisis Modifiers sein, welche die Flexibilität der Programmansätze erhöhen, sodass in EZ-Programmen schneller auf Nothilfe gewechselt werden kann. Für humanitäre Hilfe kann das eine schnellere Reaktionsfähigkeit ermöglichen.

Weaknesses

Es gibt klare Zielkonflikte zwischen Akteuren aus den Bereichen humanitäre Hilfe, Entwicklungszusammenarbeit und Frieden bzw. insbesondere Sicherheitsakteure; dies wirft die Frage auf, wer in Krisensituationen letztlich Entscheidungen trifft und Prioritäten setzt ist. Die Regierungs- und UN-Nähe von Nexus-Operationen kann insbesondere in Konfliktsettings zu einer Politisierung der Hilfe und zu einem Verlust an Neutralität führen, einem elementaren Prinzip der humanitären Hilfe.

Außerdem sind Nexus-Programme sehr komplex, was eine Reihe von Herausforderungen bezüglich des Personals, des Monitorings, der Koordination und der Evaluierung schafft. Die Erfahrung fehlt noch in vielen der genannten Bereiche, und es gibt keine gemeinsame Sprache zwischen den Akteuren.

Als größte Verständnislücke des Nexus wurde die Rolle der Friedensakteure identifiziert (siehe offene Fragen). Die zivilorientierten Friedensakteure betonten die konzeptionelle Spaltung zwischen Friedens- und Sicherheitslogik, welches oftmals zu der Frage führt, ob es um einen Peace Nexus oder einen Security Nexus geht. Darüber hinaus bleibt es unklar, wer die Friedens-Komponenten definiert (lokaler vs. Regierungsfrieden) und wie diese operationalisiert werden. Eine Vermischung mit politischen Motiven ist ein weiteres Risiko: Das Beispiel Haiti zeigt, wie es einen Paradigmenwechsel auch in Bezug auf Mandate von UN-Friedensmissionen geben kann: So wurde die zunächst friedenssorientierte Mission in Haiti später als Stabilisierungsmission mandatiert und hatte offensichtliche migrationspolitische Zwecke.

Opportunities

Im Rahmen des Humanitarian-Development-Peace Nexus kann sich der Fokus von einem System- zu einem Menschen-orientierten Ansatz (people-centred approach) verschieben. Gleichzeitig kann der Nexus-Ansatz eine transparente, tabu-freie Debatte in Bezug auf die Handlungsspielräume und -praktiken der unterschiedlichen Akteure fördern.

Statt wiederholt das gleiche Nothilfe-Projekt zu machen, besteht die Chance, die Wirkung von humanitärer Hilfe durch die Verknüpfung mit Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung substantiell zu verstärken und nachhaltiger zu machen. Darüber hinaus können die Geber-Budgets in Nexus-Projekten flexibler werden, etwa wenn humanitäre Geber gezielt einzelne Teile eines umfassenden Programms finanzieren bzw. einen flexiblen Einsatz von Mitteln erlauben. In diesem Kontext wurde von DFID berichtet, die statt eines Logframes auch die Aufschlüsselung des Budgets nach Zielen erlauben

Threats

Als höchstes Risiko wurden die Politisierung bzw. die Instrumentalisierung der humanitären Hilfe identifiziert. Der Verlust an Neutralität kann den Zugang reduzieren und den Handlungsraum nur auf regierungskontrollierte Gebiete beschränken, wodurch die Gefahr besteht Transmissionsriemen eines zwiespältigen Regierungsnarrativs zu werden. Gleichzeitig bekannten andere Diskutant*innen offen, dass spezifisch genannte Nexus-Programme sich nicht nachteilig auf den humanitären Zugang ausgewirkt haben, da dieser von vorneherein in gewissen Regionen nicht möglich war. Gleichzeitig bleibt das Risiko, dass sich Wahrnehmung und Akzeptanz der humanitären Akteure über die einzelne Region hinaus verändern und sie von lokalen Akteuren nicht als neutral betrachten werden. Dies kann zugleich u.a. zu Sicherheitsrisiken für Akteure führen, die in Krisengebieten arbeiten.

Während die Flexibilisierung von Geberbudget auch eine Gelegenheit darstellen kann, birgt sie gleichzeitig die Gefahr, dass es bei ohnehin knappen Mitteln zu einer Reallokation von Nothilfe-Geldern kommen kann.

Offene Fragen zum Humanitarian-Development-Peace Nexus

  • Gibt es wirklich einen Triple Nexus, oder ist der „Nexus in Practice“ bisher eher ein humanitarian-development Dual Nexus ? Ist „Nexus“ in diesen Kontexten eher ein neues Wort für alte Elemente (LRRD, Resilienz)?
  • Ist der Nexus vor allem analytisch sinnvoll, um sektorübergreifende Analysen als Grundlage operativer Entscheidungen und bsp. „Do-no-harm“ Ansätze sicherzustellen?
  • Welche Differenzen gibt es / sollte es geben im Nexus-Ansatz bezüglich komplexer Konflikte vs. Naturkatastrophen?
  • Triple Nexus vs. Triple Organisations? Birgt der Nexus die Gefahr einer organisatorischen Dynamik hin zur Triple-Nexus-Organisation unabhängig von komparativen Vorteilen? Gibt es von Seiten der Organisationen die Tendenz, statt mit anderen Akteuren zusammenzuarbeiten alle Elemente des „Nexus aus einer Hand“ anbieten zu wollen?
  • Rolle zivilgesellschaftliche Akteure vs. UN-/Regierungs-Dominanz: Ist der Nexus automatisch ein UN-/Regierungsnexus? Wie lässt sich der Unterschied zwischen einer nötigen und einer gefährlichen Regierungsnähe definieren?   Kann es einen „civil nexus“ geben?
  • Ist eine Wechselwirkung zwischen Nexus-Ansätzen und humanitärem Zugang nachweisbar? Ist sie kontextabhängig ermittelbar?
  • Lassen sich Mindeststandards für lokale Voraussetzungen eines Triple Nexus in Practice ermitteln? 
  • Welche Gefahren bestehen für einen geberdominierten Nexus – wessen Nexus?
  • Deutschland: Welche sind die deutschen Perspektiven bezüglich des Nexus? Wer macht was und wo mit deutschen Mitteln? Was ist die Datengrundlage?    
  • Unterschied Friedens- und Sicherheitslogiken: Gibt es definierte red flags/firewalls, was NGOs in diesem Bereich nicht mittragen können/wollen?

ZITATE

„Alle wollen Nexus, keiner will was ändern.“

Weiterführende Dokumente und Links

Böhm, Daniela, Hrsg. 2019. „The nexus. Joining foces – peace-buiding – humanitarian assistance and development co-operation“. Rural 21 – The International Journal for Rural Development 1/2019 (53).

Carbonnier, Gilles. 2018. „Revisiting the Nexus: Numbers, Principles and the Issue of Social Change“. Humanitarian Law & Policy Blog. 4. Oktober 2018.

IASC. 2019. „Collective Outcomes Progress Mapping“. 8. April 2019.

Medinilla, Alfonso, Lidet Tadese Shiferaw, und Pauline Veron. 2019. „Think local. Governance, Humanitarian Aid Development Peacebuilding Somalia“. Discussion Paper No. 246. ECDPM.

Montemurro, Marzia, und Karin Wendt. 2018. „Mali Report. The Limits of Labels“. HERE-Geneva.

Peters, Katie, und Florence Pichon. 2017. „Crisis Modifiers. A solution for a more flexible development-humanitarian system“. BRACED.

Dieses Protokoll kann auch als PDF heruntergeladen werden.

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